Das Model im Beitragsbild ist Jule, fotografiert von Richard.

Vielen Menschen fällt es schwer, nein zu sagen und ihre eigenen Wünsche und Vorstellungen in den Vordergrund zu stellen. Warum es als Model oft keine gute Idee ist, zu nett zu sein, erfährst du in diesem Artikel.

Die Anfangseuphorie

Vielleicht kennst du es ja auch: Du standest vor kurzem zum ersten Mal vor der Kamera, die ersten Bilder werden auf Instagram gepostet und jetzt folgen dir auf einmal eine ganze Menge neuer Fotografinnen und Fotografen. Wahrscheinlich kommen dann bald auch die ersten Anfragen nach TfP-Shootings.

Bei den meisten lösen die erst einmal ziemliche Begeisterung aus. Es wollen dich tatsächlich Leute fotografieren, vielleicht sind sie sogar bereit, eine Strecke zu fahren oder ein Studio zu mieten. Der erste natürliche Impuls ist dann normalerweise auch, zuzusagen und ein Shooting auszumachen. Viele Models sind auch gern bereit, sich an den Ideen des/r FotografIn zu orientieren.

Leider passiert es dann auch immer wieder, dass man ein Shooting macht, bei dem man sich entweder nicht so wohl fühlt oder am Schluss nicht wirklich etwas mit den Bildern anfangen kann, die gemacht wurden. Schlimmstenfalls werden sogar Bilder veröffentlicht, die man nicht mag oder die einen so zeigen, wie man eigentlich nicht öffentlich gesehen werden möchte.

Oft ist das eine Konsequenz daraus, dass man als Model zu „nett“ ist und sich auf das verlässt, was die FotografInnen einem vorschlagen oder erzählen. Man unterschreibt den Vertrag, den sie einem geben, folgt den Anweisungen beim Shooting und überlässt die Bildauswahl den FotografInnen. Dies passiert erfahrungsgemäß gerade dann, wenn man erst anfängt, vor der Kamera zu stehen. Man weiß noch nicht, was „normal“ ist und geht davon aus, dass es schon alles seine Richtigkeit hat.

Die Stolperfallen oder: Was ist normal?

Zunächst einmal ist „Was ist normal?“ die falsche Frage. Wichtiger ist, wie fühlt es sich für dich an? Normalerweise ist die eigene Intuition ein guter Hinweis darauf, dass etwas falsch läuft. Wenn dir etwas ungewöhnlich oder komisch vorkommt, ist es immer besser, das auch anzusprechen als es einfach hinzunehmen, und skeptisch zu bleiben, wenn jemand behauptet es wäre „normal“.

Einige Dinge sind ganz eindeutig nicht normal (kommen aber leider trotzdem vor) und sollten von dir als Model auch nicht hingenommen werden:

  • Dir steht kein Raum oder Bereich zur Verfügung, in dem du dich ungestört umziehen kannst.
  • Aufnahmebereiche werden während des Shootings neu verhandelt.
  • Beim Shooting sollen Fotos gemacht werden, die ganz anders sind als vorher besprochen.
  • Nach dem Shooting wird erwartet, dass du noch zu irgendwelchen Parties oder ähnlichem mitkommst.
  • Du sollst bei TfP-Shootings einen Vertrag unterschreiben, der dem Fotografen alle Rechte an den Bildern gibt.
  • Du bekommst bei TfP-Shootings keinerlei Mitspracherecht, welche Bilder verwendet werden.
  • Du erhältst die Bilder erst Monate später, ohne besonderen, außergewöhnlichen Grund.

Erfahrungsgemäß akzeptieren viele Models anfangs allein aus „Nettigkeit“ oder Konfliktscheu fast alles, was der Fotograf ihnen vorsetzt. Manchmal besteht sogar die Gefahr, dass man sich so sehr an etwas gewöhnt (beispielsweise an schlechte und unvorteilhafte Verträge), dass man es in Zukunft als normal akzeptiert und erwartet. Hiergegen helfen nur Wissen und Erfahrung, entweder die eigene oder die von anderen, die einem sagen, wie es läuft.

Nicht nein sagen können

Du solltest von Anfang an darauf schauen und gut überlegen, mit wem du welche Art Fotos machen willst. Gerade wenn du von Anfragen überwältigt wirst ist das schlechteste, allen zusagen zu wollen. Es ist egal, wie weit jemand zu fahren bereit ist, wie viele Follower er oder sie auf Instagram hat oder welche anderen Models schon bei ihm oder ihr waren. Der wichtigste Maßstab ist, ob dir die Bilder gefallen und ob du auch gern selbst Bilder in der Art machen möchtest. Die nächste Frage ist, ob dir die Bilder denn auch qualitativ und vom Genre her etwas bringen für das, was du als Model eigentlich erreichen möchtest. Dann gibt es noch viele andere Faktoren: Musst du irgendwohin fahren, musst du die Fahrt selbst zahlen, ist die Kommunikation respektvoll und angemessen (ebenso wie der Vertrag, den du eventuell unterschreiben sollst)? Wo soll das Studio stattfinden, kannst du Begleitung mitbringen, wie lange ist das Shooting? Wenn es ein Shooting ist, bei dem du bezahlt werden sollst, ist es wichtig, wie hoch das Honorar sein soll und wie genau die Bildrechte und Aufnahmebereiche gestaltet sind.

Nur wenn das alles für dich passt, solltest du auch ein Shooting ausmachen. Und wenn du ein Model in unserer Agentur bist, können wir dich selbstverständlich auch beraten und dir bei der Entscheidung helfen. Gerade im TfP-Bereich gibt es inzwischen so viele (auch gute) FotografInnen, dass man da als Model keine Kompromisse mehr eingehen sollte.

Was passiert, wenn man zu nett ist?

Das offensichtliche, was passieren kann, ist dass man eine Menge Zeit und Energie auf Shootings „verschwendet“, bei denen man weder ein Honorar noch am Ende Bilder bekommt, die man verwenden kann oder möchte. Das habe ich schon so oft von Models, die ich kenne gehört, dass ich diesen Artikel geschrieben habe um davor zu warnen.

Leider gibt es auch einige unangenehme Dinge, die passieren können. Auch diese Beispiele sind nicht aus der Luft gegriffen sondern passieren tatsächlich so:

  • Bilder, die bei einem TfP-Shooting gemacht wurden, werden ungefragt vom Fotografen weiterverkauft, ohne dass man damit einverstanden ist oder einen Anteil an dem Erlös bekommt. In dem Fall sollte man dem Fotografen sofort schreiben, dass er/sie das bitte zukünftig lassen soll. Wenn man einen Vertrag unterschrieben hat, der das dem Fotografen explizit gestattet, wird es komplizierter, aber im Ernstfall kann so ein Vertrag trotzdem angefochten werden.
  • Bilder, auf die man sich beim Shooting spontan eingelassen hat (meist mit mehr nackter Haut als eigentlich geplant) werden gepostet oder sonstwie verwendet, ohne dass man das möchte. Auch hier ist es sicherer, gar keinen Vertrag unterschrieben zu haben als einen schlechten. Am besten, man nimmt einen Vertrag, der „modelfreundlich“ ist (so wie der, den wir als Agentur unseren Models zu Verfügung stellen). Auch wenn das passiert, sollte man es offen mit dem Fotografen besprechen und nach Möglichkeit dafür sorgen, dass die Bilder wieder gelöscht werden.
  • Die Bilder werden so stark bearbeitet und retuschiert, dass man sich selbst nicht mehr darauf erkennt. Wenn dann noch die Qualität der Bearbeitung nicht so toll ist und man die Bilder nicht unbearbeitet verwenden darf, sorgt das dafür, dass man eigentlich gute Bilder trotzdem nicht verwenden kann oder will. Leider kann man diese „persönlichkeitsraubende“ Retusche im Vorfeld oft nicht so leicht an den Bildern erkennen (vor allem als Laie auf dem Gebiet), da man ja die Models auf den Bildern nicht „unbearbeitet“ kennt. Bei den eigenen Bildern fällt es dann aber meist umso mehr auf. Auch hier kann (und sollte) man mit dem Fotografen oder der Fotografin reden/schreiben und versuchen, die Bilder unbearbeitet zu bekommen oder zumindest auf die gröbsten Bearbeitungsfehler oder -schwächen hinweisen. Da können wir bei Bedarf auch helfen.
  • Bei bezahlten Jobs, bei denen vorher nicht klar ist, wie hoch das Honorar ist, wird man regelmäßig mit einem lächerlichen, auf respektlosem Niveau niedrigen „Honorar“ abgespeist. Schlimmstenfalls opfert man einen Tag, fährt auf eigene Kosten irgendwo hin, hat ein nichtmal besonders angenehmes Shooting und bekommt dann am Ende 20 Euro in die Hand gedrückt. Es ist erschreckend, wie viele „Profis“ in dem Gebiet denken, sie könnten so ausbeuterisch arbeiten — und leider ebenso erschreckend, wie viele Models sich darauf einlassen. Denkt daran: Die, die euch so „bezahlen“ und ihre Kunden verdienen viel mehr Geld an euch als auch ein „normales“ Honorar kompensiert. Nur weil Model ein begehrter Job ist, sollte man derartiges Verhalten nicht hinnehmen.

tl;dr

Zusammenfassen lässt sich das alles so: Die, die dich fotografieren oder mit dir arbeiten wollen haben ihre eigenen Interessen, die sich nicht mit deinen Interessen decken. Deshalb musst du deine eigenen Interessen auch klar vertreten und nicht hinnehmen, dass sie ignoriert oder abgetan werden. Wenn dann ein Shooting ein schlechter Deal für dich ist, mach es nicht! Es wird genug andere Gelegenheiten geben, bei denen du deine Zeit nicht verschwendest.

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